Present laughter – Andrew Scott in Noël Coward’s Komödie

Wochenlang habe ich darauf hin gefiebert: Andrew Scott live sehen! Eine Nacht in London, einmal Andrew live in einem Theaterstück! Und das Schicksal meinte es dann auch noch doppelt gut mit mir, denn genau an dem Tag gab es auch ein „Voices off“, eine moderierte Unterhaltung mit ihm. Yeah!

Der Donnerstag morgen startet früh, aber zunächst entspannt, schließlich habe ich alles top durchgeplant. Aber naja, sagen wir mal so: Planung ist eine Sache, das wahre Leben eine andere… Ziemlich zeitig bin ich schon am Bahnhof in Bad Salzuflen, um dann zu erfahren, dass mein Zug nach Herford komplett ausfällt. Wohl bemerkt: die Info kommt knapp 2 Minuten bevor der Zug eigentlich schon fahren soll. Plötzlich stehe ich da und weiß nicht, was ich jetzt machen soll. Keiner weiß, ob und wann andere Züge fahren. Mein Anschlusszug in Herford fährt schon in 20 Minuten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich den erreiche, indem ich mit dem Auto nach Herford heize, ist sehr gering, besonders wegen der Parksituation vor Ort. So ärgerlich, weil wenn die Ansage über den Zugausfall nur etwas eher gekommen wäre, hätte man Zeit gehabt für Alternativen wie Bus zum Beispiel. Danke, liebe Bahn. Ich hetze also zum Auto, düse in Rekordzeit nach Herford, parke das Auto irgendwo und renne… aber natürlich umsonst. Zug weg. Glück im Unglück: ich muss keine Stunde auf den nächsten warten. Ich meine, ich habe natürlich reichlich Zeit für den Flughafen eingeplant, aber es stresst einen einfach enorm, wenn man diese Zeitreserve wirklich braucht. Ich nutze die knapp 10 Minuten auf dem Bahnsteig um meine Schwester anzurufen, dass jemand bitte mein Auto aus Herford abholt, weil es da, wo es nun steht, nur 2 Stunden stehen darf. Wie ich das hasse, dass andere wegen mir plötzlich Umstände haben… Aber ich kann jetzt auch nichts anderes machen. Stresslevel: sehr hoch.

Der Umstieg in Dortmund dann Gott sei dank einigermaßen reibungslos. Zug hat zwar auch etwas Verspätung aber nicht nennenswert. Auf dem Bahnsteig fällt mir schon eine Frau auf, die offensichtlich Probleme hat. Sie wirkt sehr aufgelöst und hilflos, sodass ich sie schon ansprechen will, ob ich helfen kann. Aber da sie ständig telefoniert, mache ich es dann nicht. Im Zug sitze ich dann in einer Vierergruppe mit ihr und noch einer anderen Dame. Auf der anderen Seite des Ganges eine Truppe Herren, die ebenfalls nach London will und von Zugausfällen betroffen ist. Schnell kommt es zum netten Geplänkel mit ihnen, mir wird freundlicherweise angeboten mich mit ihnen zu betrinken, falls wir den Flieger verpassen sollten. Für eine Zeit beachte ich die Dame vom Bahnsteig nicht mehr so sehr.

Das ändert sich, als sie anfängt nun auf Deutsch mit mehreren Personen zu telefonieren, denn aufgrund der Enge im Zuge hört man ja zwangsläufig mit. Sie informiert offensichtlich Arbeitgeber, Verwandte und Freunde, dass sie nicht zur Arbeit und Verabredungen kommen kann und auch nicht weiß, wann sie wieder kommen wird. Der Grund dafür: Ihr Sohn, der schon mehrere Wochen als vermisst galt, wurde an genau diesem morgen tot aufgefunden und sie ist jetzt auf dem Weg nach Bulgarien, um die Umstände zu erfahren und ihn zu identifizieren. Ihre weinerliche Stimme, ihr Flüstern, es zerreißt einem das Herz und plötzlich sitze ich da und kämpfe auch mit den Tränen und weiß nicht was ich machen soll. Sie ansprechen? Ihr Hilfe anbieten? Aber welche? Ein Blick auf die andere Dame in unserer Sitzgruppe zeigt mir, ihr geht es genauso. Verstohlen wischt sie sich schon Tränen aus den Augenwinkeln. Keiner von uns sagt was zu der Dame in Not, die Situation ist bedrückend. Wenn sie nicht telefoniert, schließt sie die Augen oder starrt auf Fotos von ihrem Sohn. Man kann einfach nichts sagen, es fehlen die Worte. Und will man von völlig Fremden in der Situation angesprochen werden?

Um nicht auch völlig in Tränen auszubrechen, versuche ich mich auf die Herren zu konzentrieren, die haben gute Laune, scherzen und lachen, bekommen von dem Drama auf unserer Seite gar nichts mit. Es tut irgendwie gut, aber ist auch unfassbar skurril und befremdlich. Und an Tragik nicht zu überbieten.

Bei Ankunft in Düsseldorf bin ich emotional völlig am Ende. Beim Gehen sage ich ihr dann doch ganz leise „alles erdenklich Gute für sie“ und flüchte dann regelrecht aus dem Zug.

Über Stunden wird mich der Gedanke an diese Frau noch begleiten, aber für mich geht die Reise weiter. So ist es im Leben, man erhält manchmal einen Blick auf das Leben anderer, aber dann geht man wieder getrennte Wege…

Endlich im Flieger. Wieder einmal gespaltene Gefühle. Ich bin erleichtert, den Flug erreicht zu haben, aber jetzt steht der Flug an. Und plötzlich ist sie da, die Panik. Vorher war ich offensichtlich zu abgelenkt, aber jetzt stehe ich schlagartig fast vor einer ernsthaften Panikattacke. Eine Flugbegleiterin bietet mir sogar schon während das Boarding läuft Wasser an, es ist mir also auch anzusehen. Großartig. Während des Starts kommen mir tatsächlich fast die Tränen (erneut) und ich kann nichts machen, außer konzentriert von 50 rückwärts zu zählen. Es hilft. Gott sei dank. Zu diesem Zeitpunkt kann ich noch nicht sagen, ob meine Flugangst tatsächlich schlimmer geworden ist, ober ob ich einfach nur nervlich schon super labil bin wegen all dem Stress. Ein Flugbegleiter bringt mir im Service schließlich kostenlos Orangensaft, obwohl es eigentlich nicht im Flugpreis inbegriffen ist. Inbegriffen ist allerdings die exklusive Info für mich, dass die Landung in London heute etwas holperig werden könne aufgrund der Wind- und Wetterlage. Ob ich damit klar käme? Na, muss ich wohl, aber danke für die Fürsorge.

Er soll recht behalten, die Landung ist fies, aber nun bin ich dann endlich endlich in London. Gefühlt habe ich eine Odyssee hinter mir. Nun also herzlich willkommen in London an dem heißesten Tag seit 2003!

Und ja, es ist HEIß! Unfassbar heiß und stickig, dazu kann London tatsächlich auch schon gut Smok aufweisen, aber das fällt mir als Landei vielleicht auch nur so extrem auf. Gepaart mit der Hitze ist es auf jeden Fall schlimm. Die ersten Stunden in meiner Lieblingsstadt gestalten sich dann tatsächlich überraschend enttäuschend. Ich hatte aufgrund der eh knappen Zeit und des angekündigten Wetters nicht viel geplant, aber selbst das bisschen ist nun irgendwie frustrierend. Zunächst fällt mir extrem auf, wie dreckig die Straßen sind. So vermüllt hatte ich London nicht in Erinnerung, ganz im Gegenteil. Gerade Parks fand ich immer extrem sauber. Gut, ich war auch nie zur touristischen Hochsaison in London, daran kann es natürlich auch liegen, aber das Straßenbild hat mich teilweise echt deprimiert. Wie kann man so eine schöne Stadt so zurichten? Der Laden, auf den ich mich so gefreut hatte, entpuppt sich dann auch als Enttäuschung und somit Zeitverschwendung, da ich auch lange gebraucht habe ihn überhaupt zu finden. Forbidden Planet. Ja, es gibt viel nerdiges Zeug da. Aber nichts für mich. Gesucht: Sherlock Merchandise. Gefunden: null. Nicht mal eine Tasse. Okay, also mal nach Dr. Who schauen, vielleicht eine coole Deko- Tardis? Doch auch hier erstaunlich wenig Auswahl, viel billig aussehendes Plastik, dafür zig wenig interessante Kartenspiele. Nightmare before christmas ein ähnlich Bild: viel Schund und das einzig richtig tolle, eine Zero-Dekolampe, für mich nicht transportabel und bezahlbar. Selbst die schon deutlich größere Harry Potter Abteilung fand ich eher meh. Also Schwamm drüber und abhaken. Da ich einiges zu Fuß abgelaufen bin, weil ich es einfach liebe durch London zu spazieren, ist es jetzt auch schon so spät, dass ich im Hotel einchecken kann. Ich ändere also meine Planung und laufe nicht direkt zum Tate Modern, sondern nehme die Tube Richtung Lambeth. Rucksack loswerden, frisch machen und dann quasi Neustart. Was war nur los mit mir? Wo war mein London-Glücksgefühl hin?

Hotelzimmer A-Point Westerminster

So eine Dusche am Nachmittag kann Wunder wirken. Und auch die Erkenntnis, dass das Hotel gut ist und wirklich nah am Theater. Frisch geduscht mache ich mich nun also erneut auf in die Hitze diesmal Richtung Tate. Allerdings auch hier Planänderung, weil ich die Strecke (die ich normal zu Fuß gelaufen wäre) lieber mit der Tube abkürze. Ich beschließe meinen Kreislauf zu schonen, weil der Hauptevent ja noch ansteht und ich natürlich nicht ausgerechnet da schlapp machen will.

Tate Modern. Oh wie ich dich liebe! Kunst für alle und das meiste sogar umsonst! Und wie schön klimatisiert du bist! Aber ich bin ja nicht allgemein hier, nein, zufällig ist derzeit die Olafur Eliasson Ausstellung und ich hatte mir schon im Vorfeld ein Ticket gesichert. Und plötzlich ist es da, das Glücksgefühl: die Ausstellung ist wirklich großartig und beeindruckend. Interessanterweise kommt man mit anderen Besucher fast zwangsläufig in Kontakt, sei es nun, weil man gemeinsam in Nebel verloren geht oder weil man miteinander Schattentänze macht. Kunst zum anfassen und mitmachen, Kunst zum einfach bewundern, Kunst, die anregt, sich Gedanken zu machen. Ja, zum ersten Mal an diesem Tag bin ich wirklich wirklich glücklich.

Da ich länger im Tate bleibe als kalkuliert, muss ich leider auch den Spaziergang zum Hotel zurück kürzen, aber sobald ich ins Freie gehe, legt sich die Enttäuschung darüber auch gleich wieder. Jetzt ist es zwar bedeckt, aber nochmal stickiger als vorher. Na danke.

Egal, das Highlight des Tages wartet, also schnell Hotel, nochmal duschen und los.

Etwas aufgeregt, aber frisch und jetzt endlich entspannt mache ich mich auf den Weg zum The old Vic Theatre, gerade mal 5 Minuten Fußweg. Natürlich habe ich nicht nur ein zweites Mal geduscht, sondern mich auch etwas aufgehübscht. Schließlich besteht ja die Hoffnung, dass man Andrew Scott nachher an der Stage door trifft. Da will man ja nicht neben ihm aussehen wie eine Vogelscheuche! Und was soll ich sagen: ich stehe schon fast vor dem Theater, muss nur an einer Ampel warten und plötzlich: Platzregen! Keine große Vorwarnung, mit einem Schlag Weltuntergangsstimmung. Alle suchen Deckung, aber in Sekunden ist man pitschnass. Ich rette mich unter einen Baum, der Gott sei dank sehr dicht gewachsen ist. Und so stehe ich da und lache wie blöd, weil, naja, sowas musste ja noch passieren…! Der Spuk dauert nur wenige Minuten, also sitze ich kurz darauf endlich im Theater.

The old Vic ist ein wundervolles Theater mit beeindruckendem Dekor, verschnörkelten Rängen und rotem Samt auf den Sitzen. Der Zuschauerraum wirkt sehr klassisch, interessanterweise der Rest, also Foyer und Co. sehr modern. Das Bühnenbild ist imposant und wirkt schon ohne Aktion großartig und bis ins Detail durchdacht. Alle Mitarbeiter sind super hilfsbereit und freundlich, die eine Dame hat sich mit mir gefreut, was für einen tollen Platz ich doch ergattert habe! Nichts mit trockener Abfertigung, selten habe ich mich in einem Theater so willkommen gefühlt. Und mein Platz ist wirklich sehr sehr gut, die Bühne nur knapp 4 Meter entfernt, Sicht also phänomenal und Nähe zu den Schauspielern natürlich auch beeindruckend. Der Gedanke, dass ich jetzt schon im gleichen Gebäude bin wie Andrew Scott ist irgendwie befremdlich. Ich meine, ich kenne ihn ja nur vom Bildschirm, da ist er gefühlt (und ja auch real) weit weg. Bin nun nervös und weiß nicht mal genau warum, weil erst mal muss ich nur dasitzen und genießen!

Das Stück ist wirklich so gut, wie ich schon seit Wochen lese. Von Minute eins bis zum Schluss stimmt einfach alles. Und Andrew, hach ja, was soll ich sagen? Er hat einfach eine unglaublich Art auf der Bühne, faszinierend, wie er mit kleinsten Gesten und Mimik alle für sich einnimmt. Er spielt virtous und dennoch auf Augenhöhe mit allen anderen Schauspielern. Man kann die Wertschätzung untereinander als Zuschauer förmlich spüren. Jeder einzelne ist großartig und das Stück dadurch nicht eine Sekunde langweilig.

Die Pointen sitzen, die Dynamik auf der Bühne ist perfekt abgestimmt, die begleitende Musik sehr passend gewählt. Ein rauschendes Fest möchte ich sagen. Und man erlebt Andrew tatsächlich nochmal anders in live: die Nähe, die Stimme, seine ganze Präsenz. Und noch rede ich nur von dem Stück. In der Pause habe ich prompt den Gedanken: „Oh nein, schon Pause, dann ist es schon halb vorbei!“ Ja, ich neige zur Dramatik…

Die zweite Hälfte nimmt dann sogar nochmal mehr Fahrt auf, jetzt muss man alle Sinne beisammen haben, dass man die ganzen Verwicklungen mitbekommt. Man ist also völlig gebannt, leidet mit Garry (also Andrew) mit und möchte manchmal fast ihm was zurufen, um ihn vor „Katastrophen“ zu warnen. Besonders möchte ich Luke Thallon an dieser Stelle erwähnen, der Roland spielt. Eine eher kleine Rolle, aber grandios! Roland nervig aber dennoch liebenswürdig darzustellen, gelingt ihm unfassbar gut. Man möchte Garry schon fast treten, so schlecht wie er ihn behandelt! Dazu muss ich wohl sagen, dass das Stück eine Komödie über menschliche Beziehungen und deren Verstrickungen ist. Garry, ein sehr prominenter Schauspieler, tingelt so durch Affären und Belanglosigkeiten und sein ganzes Umfeld ist involviert. Es liegt aber auch Tragik in der Luft, ein Hauch Einsamkeit. Ein wirklich auch lesenswertes Stück, dem man in so wenigen Worten nicht gerecht werden kann. Besonders an dieser Produktion: einige Gender-Swaps. Während im Original von Noel Coward alle Affairen weiblich waren, hat Garry nun auch Techtelmechtel mit Männern. Warum, weswegen, dazu später mehr. Die Geschichte endet, ja, wie soll ich sagen, irgendwie offen. Aber das macht sie auch so besonders: sie bietet keine Lösung, verurteilt nicht, sondern zeigt nur. Alles ist sehr menschlich, man kann sich damit identifizieren. Auch wenn man nicht viele Affairen hat 😉

Es endet mit viel Begeisterung, Applaus und Standing Ovations. Am liebsten würde ich Zugabe rufen, würde im Getose aber eh niemand hören.

Schon an dieser Stelle bin ich völlig überwältigt und euphorisch. Ich lasse mir extrem viel Zeit das Auditorium zu räumen, kann mich irgendwie noch nicht losreißen. Dabei ist das ja noch nicht das Ende des Abends. Das „Voices off“ steht noch aus. Gott sei dank, ich will noch nicht gehen. Oder generell, dass der Abend jemals endet! Hach…

Schließlich müssen wir dann doch alle raus, um dann nochmal einen geordneten Einlass zu ermöglichen.

Als ich meinen nun neuen Platz einnehme, diesmal sogar zweite Reihe, fühlt es sich fast zu nah dran an. Aber natürlich nur fast. Eigentlich ist es ja nicht nah genug. Aber plötzlich habe ich das Bedürfnis, mir nochmal die Haare zu richten oder mich etwas frisch zu pudern. Es ist so nah, dass er mich definitiv auch sehen kann, nicht nur ich ihn. Und er setzt sich dann auch noch links auf den Stuhl, sodass er quasi mir zugewandt sitzt. Wow. Wow. Er trägt frische, eigene Kleidung, schlichte schwarze Shorts und T-shirt und er ist barfuß. Okay, im Stück selbst war er auch öfter barfuß, aber da war so viel los, dass ich keine Zeit hatte, es zu sehr zu beachten. Jetzt allerdings sitzt er da, ganz nah, teilweise mit angewinkeltem Bein und ich mutiere zu Monk. Besonders wenn er manchmal unbewusst seinen Fuß umfasst, merke ich, wie stark meine Abneigung zu Füßen ist und bin doch etwas sehr abgelenkt. Nicht falsch verstehen, er hat selbst in meinen Augen schöne, gepflegte Füße, aber es sind immer noch Füße!! Da hilft auch nicht, dass er sich sogar entschuldigt, dass er so leger und barfuß kommt, weil er nach dem ganzen Umziehen im Stück und bei der Hitze keine Muße hatte Schuhe anzuziehen. Ich verstehe ihn, er kann ja nichts dafür, dass ich seltsam bin. Immerhin schaffe ich es sobald das Gespräch losgeht, das Fußproblem auszublenden.

Da sitzt er nun, völlig locker und entspannt, allein seine Ausstrahlung ist einnehmend. Er sieht erstaunlich frisch aus, wie gewohnt attraktiv und strahlt. Auffällig ist, dass er sich erst mal umsieht, wer denn so da ist. Sein Blick schweift durch die Reihen, bleibt manchmal hängen, schweift weiter. Er ist wirklich an Menschen interessiert, dass muss er gar nicht mehr erwähnen, auch wenn es später sogar noch zur Sprache kommt. Man merkt es. Der Jubel dagegen scheint ihm etwas unangenehm, zumindest ein Bruchteil von Sekunden sagt sein Gesicht so etwas in der Art wie „Danke, reicht“… Als es leiser wird, startet das Gespräch, dass teils moderiert ist und dann aber auch Zuschauerfragen zulässt. Ja ich hatte Fragen, einige, aber die wurden alle im ersten Teil beantwortet. Die Dame kenne ich bereits aus einem älteren Voices off und wieder ist sie top vorbereitet und stellt interessante Fragen, die Andrew viel Raum geben zu reden. Und er redet, ohja, er redet! Faszinierend, wie seine Begeisterung für das Stück, die Charaktere und natürlich auch Noel Coward aus ihm heraussprudelt. Er erklärt leidenschaftlich, was ihn an der Rolle des Garry Essendine gereizt hat, was er über Garry denkt und wie er dessen Position in dem Stück empfindet. Und er hat interessante Ansichten dazu, denn neben seinen Gedanken zu der Rolle erklärt er auch, wie er generell Menschen sieht und was für ihn so spannend ist an Menschen und menschlichen Beziehungen an sich. Und er spricht über Liebe. Über Sex. Eigentlich über alle Facetten des Stückes. Immer gespickt mit seiner persönlichen Note. Es ist unfassbar inspirierend, motivierend ihm zuzuhören. Nicht, dass ich alles unterschreiben würde, aber dennoch: seine Gedanken haben Hand und Fuß. Und vor allem Herz.

Natürlich wurde auch der Gender-Swap thematisiert, wie ich schon angedeutet habe. Hier brilliert er mit fundiertem Wissen über Noel Coward und die Zeit, in der dieser lebte. Eine Zeit, die jede Sexualität jenseits von Heterosexualität verurteilt und verbannt hat. Noel Coward war selbst schwul, hielt sich aber brav an die Zensur, weil naja, er wollte ja seine Stück aufgeführt sehen. Zwar war er einer der ersten Popstars, aber an der Zensur kam auch er nicht vorbei. Der Gender-Swap ist also irgendwie eine Richtigstellung, wie Coward das Stück gerne vielleicht gerne geschrieben hätte. Andeutungen im Text gibt es dazu reichlich, Matthew Warchus (Director) hat diese mit Andrew zusammen aufgegriffen und umgesetzt. Und ich habe es gerade gesehen und es funktioniert! Obwohl am Text bis auf wenige Ausnahmen und natürlich die Anreden nichts geändert wurde! Es ist fast süß, wie Andrew sich freut, es (seiner Überzeugung nach) mehr im Sinne von Coward aufzuführen als alle Inszenierungen zuvor.

Die Stimmung ist fast wie bei einem gemütlichen Abend auf der Couch. Als die Zuschauerfragen starten sogar noch etwas gelöster, vielleicht weil auch noch mehr gelacht wird. Die Fragen jedoch hauen mich nicht vom Hocker, 2-3 davon sind schon so oft gestellt worden, dass ich für ihn antworten könnte. Umso überraschter bin ich, als Andrew dennoch auch neue Aspekte dazu offenbart. Quasi eine Variante seiner generellen Aussage dazu. Und schon ist man wieder versöhnt mit der Frage. Er ist einfach redegewandt und auf Zack. Dann eine Frage, die sich auf den Aspekt des Gender-Swaps bezog, lässt mich noch etwas anderes wiederholt feststellen: er ist auch ein verdammt guter Zuhörer! Er achtet auch auf Formulierungen. So also beantwortet er die Frage zunächst recht knapp und meint dann plötzlich, ihm sei aufgefallen, dass die Fragestellerin angefangen habe mit „For me as a fellow queer person, …“ und dann folgt eine unfassbar interessante Ausführung wie er das ganze Schubladendenken empfindet und warum man solche Dinge überhaupt sagt. Er räumt ein, dass man im Gespräch manchmal Bezeichnungen als Anhaltspunkte braucht, aber im groben und ganzen findet er das alles überholt und unnötig. Und ich tippe das und finde die Relevanz der Aussage zu schwach wiedergegeben. Vielleicht liegt es auch an der Hitze, aber gerade bin ich ihm rhetorisch unterlegen.

Auffällig ist auch, das er Humor hat. Einige rufen ihre Frage einfach in das Auditorium, was irgendwie zwar unhöflich aber auch witzig ist. Besonders als Andrew das auch entsprechend kommentiert. Nicht unhöflich oder beleidigend, nein, aber schon mit Biss: „Well, you definitely wanted your voice to be heard! Thanks for that!“ Bitte dabei Andrews charmantes Lächeln vorstellen. Seufz. Zuschauerfragen gibt es am Ende zu wenig, aber die Zeit ist auch einfach schon sehr weit fortgeschritten. Das Gespräch endet der lockeren Atmosphäre entsprechend recht unspektakulär, alle jubeln nochmal begeistert, er winkt und verschwindet nicht ohne sich auch beim Publikum bedankt zu haben. Ein letztes strahlendes Lächeln und dann ist es wirklich vorbei. Andrew has left the stage. Und ich bleib glücklich und etwas zu verzückt zurück für eine erwachsene, vernunftbegabte Frau. Aber gut, ich meine, ich fliege für eine verdammte Nacht nach London um ihn zu sehen, da brauche ich das Fangirl in mir wohl nicht leugnen…

Diesmal verlasse ich mit dem Strom den Saal, schließlich will ich ja noch zur Stage door. Komischerweise fühle ich mich bei dem Gedanken jetzt in diesem Moment total entspannt. Tage vorher habe ich mir immer schon Peinlichkeiten ausgemalt und sogar in Frage gestellt, ob ich wirklich ein Foto mit ihm machen würde. Sprich: ich habe mich verrückt gemacht! Jetzt, nach dem Gespräch, bin ich zwar etwas aufgeregt, aber rein positiv, freudig. Allerdings kommt es wie es ja irgendwie kommen musste: eine liebe Mitarbeiterin teilt allen Wartenden mit, dass es aufgrund der Uhrzeit und der Hitze kein Signing geben wird. Zunächst nimmt das keiner richtig ernst, aber dann passiert tatsächlich nichts. Niemand bekommt mit wie er das Theater verlässt. Aber ich bin einfach zu euphorisch wegen dem tollen Abend und all den Eindrücken, das Gefühl der Enttäuschung setzt sich erst mal gar nicht wirklich durch. Vielmehr habe ich vollstes Verständnis, denn an seiner Stelle würde ich nach dem ganzen Rummel und bei den Temperaturen auch schnell Heim wollen. Und trotzdem ertappe ich mich wie ich noch etwas auf dem Platz vor dem Theater herumlungere… Es ist eine Mischung aus vielleicht doch noch einen Blick auf ihn erhaschen und sich einfach nicht von diesem Abend lösen wollen. Solange ich noch am Theater bin, ist es noch nicht vorbei, richtig? Plötzlich werde ich von einem jungen Mann angesprochen, auch Fan, noch mit deutlich mehr Hoffnung als ich und finde mich plötzlich in einem tollen Gespräch wieder. Manchmal ist herumlungern doch ganz gut. Doch alles geht einmal vorbei und ich mache mich dann doch auf den Weg ins Hotel. Und unterwegs merke ich schon, dass sich nun doch mehr Enttäuschung über das Nicht-Treffen den Weg an die Oberfläche bahnt. Es wäre halt der perfekte Abschluss gewesen, (auch wenn ich jetzt wohl doch wieder eher Vogelscheuche bin) und so schnell werde ich wohl nicht wieder so nah dran sein. Und wenn ich an diesen Aspekt jetzt beim schreiben denke, merke ich, dass ich immer noch da festhänge, irgendwo zwischen Enttäuschung und ehrlichem Verständnis.

Im Hotel folgt noch eine dritte Dusche, meine Gedanken wirbeln nur so umher, ich fühle mich irgendwie bereichert und erleuchtet. Und dann liege ich da so auf dem Bett (keine Chance, Decke, bleib bloß weg!) und plötzlich habe ich sie: die perfekte Frage an Andrew! Verdammte, verkackte Scheiße, warum erst jetzt?! Im Theater hätte ich sie gebraucht! Mit der Frage hätte ich mich definitiv gemeldet und es versucht! Die positive Entwicklung war immer Thema im Gespräch, dass Autoren jetzt offen Stücke gestalten können und Sexualität weniger Tabuthemen hat. Alles Feedback zu dem Stück war immer positiv und bejahend, zumindest was ich finden konnte und auch an diesem Abend. Küsse zwischen Garry und seinen Damen wurden genauso gefeiert wie auch Küsse zwischen Garry und diversen Herren. Ein Traum an Toleranz und Selbstverständlichkeit. Es wäre also interessant zu wissen, ob es auch spürbare negative Reaktionen im Publikum gegeben hat! Bei all den Aufführungen kannst du mir nicht erzählen, dass nicht auch mal jemand nicht begeistert war, vielleicht sogar gegangen ist! Ich war schon oft im Theater und habe immer mal wieder Nörgler und Menschen, die mit Modernisierungen nicht klarkommen, erlebt. Und bei aller positiver Entwicklung für die LGBTQ-Bewegung, es gibt sie noch: die intoleranten Trolle, die denken, nur Heterosexualität sei das einzig Wahre und alles jenseits sei krank… Als Schauspieler ist man sich dem Publikum sehr bewusst, das hat Andrew wiederholt gesagt. Vielleicht also hätte da eine Anekdote zu erzählen gehabt. Und wie er das empfindet, wenn die Neufassung vielleicht auf Ablehnung stößt.

Sei es drum, alles in allem endet ein wirklich durchwachsener Tag äußerst versöhnlich.

Am Freitag bin ich dann schon sehr früh auf. Um ehrlich zu sein, ich habe fast nicht geschlafen, wohl eine Mischung aus Hitze und Gedankenwirbel. Um weitere Reisedramen zu vermeiden, verlasse ich früh das Hotel und fahre direkt zum Flughafen Heathrow. Bloß nicht den Flieger verpassen. Auf dem Flughafen angekommen, muss ich feststellen, dass ich ruhig noch 2 Stunden Stadt hätte genießen können (besonders weil die Temperaturen so früh noch super angenehm sind und noch kaum Touristen unterwegs) und dann trotzdem noch reichlich Zeit gehabt hätte. Aber nun ja, liebes London, ich komme ja wieder, also werde ich mich da jetzt nicht drüber aufregen.

Tja, was soll ich sagen? Auch die Rückreise wird schließlich zum Desaster, wenn auch nicht so emotional wie die Hinreise. Angefangen mit über einer Stunde Verspätung des Fluges wegen Radar-Ausfall am Flughafen und dann weitere Verspätung durch wetterbedingte längere Flugroute. Es folgt: der bisher schlimmste Flug meines Lebens. Fast durchgehend leichte bis mittelschwere Turbulenzen und die wackeligste Landung, die ich je erlebt habe wegen Sturmböen. Immerhin habe ich meine Panik diesmal besser im Griff. Oder meine Mimik. Zumindest werde ich diesmal nicht umsorgt.

Trotz großem Zeitfenster ist dann natürlich der Anschlusszug weg und damit alle Anschlüsse. Umbuchung auf neue Züge, weitere Ausfälle wegen Oberleitungsschäden, ein langer Bahnhofsaufenthalt, weil kein Lokführer verfügbar ist und umgeleitete Streckenführungen, es ist alles dabei. Von den Luft- und Temperaturverhältnissen in den Zügen möchte ich gar nicht anfangen. Schließlich komme ich so spät nach Hause, dass sogar mein Hund nochmal zwischen meinen Eltern und meiner Schwester umgesiedelt werden muss, weil die auch Pläne für abends haben. So komme ich also dank meiner Schwester, die mich aus Herford liebenswerterweise abholt, heim zu einem total verwirrten und gestressten Hund, weil sie das alles natürlich nicht versteht. Ich könnte heulen, aber das hilft jetzt auch niemandem.

Aber duschen hilft. Ohja, duschen hilft. Nach der Dusche und beim Kuscheln mit meiner Stella auf dem Sofa bin ich mir dann trotz allem völlig sicher: DAS WAR ES WERT!

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