Leise und mit einem deutlichen Kratzen und Knarren drang fröhliche deutsche Volksmusik aus dem kleinen alten Kofferradio auf der Fensterbank, die ansonsten voll gestellt war mit Grünpflanzen in allen Formen und Größen.
Die alte Dame stütze sich mit einer Hand leicht auf die kalte Marmorplatte, während sie die freie Hand nutzte, um liebevoll eine Kaktee wieder zur Sonne auszurichten. Aber wenn man ihrem Blick folgte, sah man, dass ihre Aufmerksamkeit nicht der stacheligen Pflanze galt, sondern vielmehr der verkehrsberuhigten Straße nahe dem Zentrum Bad Salzuflens, die direkt unter ihrem Zimmerfenster verlief. Jedes der passierenden Fahrzeuge –von Zeit zu Zeit mal eines- beäugte sie mit zusammengekniffenen Augen, um kein Detail zu verpassen. Wenn das Auto schließlich wieder aus ihrem Blickfeld verschwand, runzelte sie die Stirn, als wollte sie sagen: „Na dann eben nicht!“ Dabei schien ihr Haaransatz in Richtung ihrer Augen zu verrutschen und ihre Lippen umspielte ein leichtes Lächeln. Dann widmete sie sich kurz wieder ihrer Kaktee, wenn auch nur bis zum nächsten Auto.
Das leise, nahezu zaghafte Klopfen an ihrer Tür hörte sie nicht. Das lag jedoch nicht nur an der Musik, die den Raum schwammig ausfüllte, sondern auch an ihrem schwindenden Hörvermögen. Erst als der Klopfer mehr Energie in seine Geste legte, schrak sie auf und sofort bat sie den Besucher einzutreten. Den Bruchteil der Sekunde, den sie brauchte, um sich dem jungen Mann zuzuwenden, nutzte sie, um noch einmal ihr immer noch volles, wenn auch grau-weißes Haar, dass sie kinnlang und ganz glatt trug, zu richten.
Er hatte sich verändert. Und das sehr deutlich. Sie hatte ihn nicht so schmächtig und schlaksig in Erinnerung und auch die Haare, die in ihrer Farbe irgendwo zwischen dunkelblond und hellbraun einzuordnen waren, trug er jetzt kurz und mit jeder Menge Gel zu Stacheln geformt. Waren diese nicht auch mal dunkler gewesen? Sie runzelte die Stirn bei dieser Überlegung, die jedoch von dem jungen Mann gestört wurde.
„Frau Henrike Hartmann? Ich wollte mich bei ihnen vorstellen. Ich bin Simon. Nun ja, ich bin als Zivi jetzt neu hier auf ihrer Etage und werde mich also die nächste Zeit öfter um sie kümmern.“
Die Dame blieb regungslos stehen. „Zivi?“ echote sie lediglich. Er trat nervös von einem Fuss auf den anderen und wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Man hatte ihm versichert, dass Frau Hartmann trotz ihrer 85 Jahre geistig voll auf der Höhe war, quasi in der Blüte ihres Lebens und nun wurde er den Eindruck nicht los, dass sie nichts von dem verstanden hatte, was er gesagt hatte und auch nicht die typische Altenpflegerkleidung erkannte, die das ganze Hauspersonal einheitlich trug: ein lockeres T-shirt und eine bequeme Stoffhose, beides in klinisch freundlichem reinweiß. „Ich bin Zi-vil-dienst-leis-ten-der!“ Er bemühte sich um eine deutliche Aussprache, ihm war die Hörschwäche wieder eingefallen.
Henrike Hartmann schien aus einer ganz anderen Welt zurückzukehren, als die jetzt den Kopf schüttelte als verscheuche sie lästige Gedanken. „Ach entschuldige, junger Mann. Ich verstehe schon. Zivi! Ich war ganz woanders…“ Simon ließ deutlich ein Seufzen der Erleichterung hören und ging dann auf die Dame zu, die ihm jetzt offen und herzlich entgegen sah und seine ihr dargebotene Hand freundlich, aber mit einem festen Druck schüttelte. Dennoch wandte sie sich sogleich wieder dem Fenster zu und er verstand es als Geste, dass sie erstmal genug Informationen über ihn hatte.
Doch als er gerade die Tür wieder hinter sich schließen wollte, richtete sie sich noch mal an ihn: „Weißt du, ich bekomme heute Besuch. Von meinem Enkel. Ich bekomme nicht oft Familienbesuch und schon gar nicht von ihm. Ich alte Frau bin aufgeregt! Ist das nicht lächerlich?“ Simon ging zurück ins Zimmer und schloss die Tür nun von innen. Man hatte ihm gesagt, dass sie gerne jemanden zum reden hatte. Von einem angekündigten Besuch hatten sie nicht gesprochen.
Wieder begann die Dame einige der Blumentöpfe neu auszurichten ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Simon fiel auf, dass sie schon Kaffee hatte kommen lassen und Kekse in einer altertümlichen Schale appetitlich dekoriert waren. „Warum kommt ihre Familie nicht so oft?“
„Ich bin diejenige, die weg gezogen ist von Zuhause. Hierher. Auf Empfehlung von Ärzten und in Begleitung einer Freundin, die leider bereits verstorben ist. Wie kann ich erwarten, dass meine Kinder und Enkel immer die weite Fahrt auf sich nehmen, um mich zu sehen?“
„Nun ja, kann man das nicht von seiner Familie erwarten?“ Simon verzog die Augenbrauen, doch sie sah es nicht. „Nein. Nicht, wenn Dinge geschehen, die einen erstarren lassen, die einen von innen heraus lähmen.“ Ihre Stimme klang traurig und ihre ganze würdevolle Haltung ging für wenige Sekunden verloren, indem ihre Schultern heruntersackten und der Kopf ihrem Beispiel folgte. Doch sofort fing sie sich wieder. Der Moment war verflogen.
„Ich verstehe nicht…“ setzte Simon an, doch sie hob die Hand und unterbrach ihn. Plötzlich lief sie flink wie ein Wiesel zur Zimmertür, hielt dann kurz inne und kehrte im gleichen Tempo zum Fenster zurück. „Simon, kommen sie her, schnell!“ Irritiert von ihrem seltsamen Gebärden, tat er wie ihm geheißen. Er erblickte einen alten, teilweise verbeulten, silbernen Toyota, der direkt vor dem Eingang des Altenheimes geparkt hatte. Allerdings stieg die Person, die hinter dem Steuer saß nicht sofort aus. Vielmehr sah es so aus, als kramte diese noch im Handschuhfach nach irgendetwas Wichtigem. Und in einem Rucksack. Und in einer kleinen Reisetasche. Beides hatte auf dem Beifahrersitz gestanden. „Was tut er?“ Simon drückte sich näher an die Scheibe, aber dadurch konnte er nicht mehr erkennen, sondern hinterließ nur seinen Atem auf der Glasscheibe. „Ich weiß es nicht. Ich kenne ihn gar nicht mehr, glaube ich. Ich habe sie kurz für ihn gehalten, das sagt ja wohl alles, junger Mann!“ „Ich werde ihn begrüßen und ihn zu ihnen bringen, ja? Dann muss er nicht suchen, ich husche ganz geschäftig an meinem Chef vorbei und sie können noch mal schnell ihre Haare richten!“ Er zwinkerte der Dame zu, die ihn nun erst zum zweiten Mal wirklich ansah. Sie lächelte und zwinkerte zurück. „Keine schlechte Idee, junger Mann. Sie werden mir immer sympathischer.“ Ihre Augen glänzten feucht, als sie sich wieder zum Fenster wandte. Simon lächelte in sich hinein und verließ das kleine Zimmer. Pfeifend schlenderte er über den Flur zum Fahrstuhl, vorbei an dem Mitarbeiterraum, der durch eine große Scheibe vom Flur aus einsehbar war. Er deutete im Gehen seinen Kollegen an, dass er kurz runtergehen würde und als diese nicht weiter reagierten, setzte er seinen Weg fort. Er beobachtete, wie die Zahlen aufleuchteten, die zu den Stockwerken gehörten, die der Fahrstuhl auf dem Weg zu ihm passierte und wunderte sich selbst über seine schlagartig gute Laune. Er hatte so viele Zweifel gehabt, ob er hier zurecht käme, mit den alten Herrschaften, die meisten von ihnen schon sehr krank. Doch man hatte ihn erstmal auf einen Flur eingesetzt, wo die meisten Bewohner schlicht betagt und etwas hilfebedürftig waren und er nicht mit ansehen musste, wie einige von ihnen nur noch dahinsiechten. Denn dieses Bild hatte ihn schon Wochen vor seinem ersten Arbeitstag verfolgt. Er konnte so etwas nicht mit ansehen. Seine Familie und Freunde hatten schon Recht, wenn sie ihn als zart besaitet beschrieben… Aber das war ihm egal. Es konnte ja nicht jeder Mensch übermäßig emotional belastbar sein. Energisch schob er diese Gedanken beiseite und kehrte zu seiner Freude darüber zurück, dass er in Frau Hartmann bereits eine interessante Dame gefunden hatte, mit der er vermutlich sehr gut auskommen würde.
Diese stand immer noch am Fenster. Der junge Fahrer des Toyota war nun ausgestiegen und knallte übermäßig heftig die Fahrzeugtür zu. Sein Gesicht war angespannt und er wirkte verärgert, was er mit einem energischen Tritt gegen den Kotflügel des Autos bestätigte. Er fluchte. Henrike Hartmann schloss die Augen und war froh, dass sie ihn nicht hören konnte. Sie verdrängte das Bild schnell aus ihrem Kopf und wandte sich dem Zimmer zu, um ins Badezimmer zu gehen. Sie wollte sich freuen, dass er bei ihr war. Sie wollte keine Bedenken haben.
Der Zivildienstleistende hielt an der Haupteingangstür inne. Wenn man ihn danach gefragt hätte, er hätte den Grund dafür nicht benennen können. Seine Augen ruhten auf dem jungen Mann, der sich jetzt an die Fahrertür gelehnt eine Zigarette anzündete. Simon fühlte sich mit einem Mal klein und unbedeutend, er trat von einem Bein auf das andere, seine gute Laune war in eine unerklärliche Unsicherheit versackt. Er betrachtete fasziniert das Profil des Rauchers, als dieser die Straße runterblickte, die er gekommen war. Seine schwarzen, fransigen Haarsträhnen fielen ihm weich in das markante Gesicht, er wischte sie gleichgültig aus der Stirn.
Überlegte er wieder zu fahren, ohne seine Großmutter wirklich gesehen zu haben? Simon beobachtete, wie der junge Mann kurz die Augen schloss, als konzentriere er sich auf einen Gedanken, der ihm durch den Kopf ging. Nein, das würde er nicht wagen, dachte Simon, er musste doch wissen, dass seine Großmutter ihn sehnlichst erwartete. Und dennoch machte er keine Anstalten das Gebäude zu betreten. Stattdessen senkte er den Blick auf den Asphalt, zertrat die fast noch ganze Zigarette energisch mit dem linken Fuß und riss die Fahrertür auf, um wieder einzusteigen. Das holte Simon aus seiner Starre. Er trat vor die Tür und war mit langen Schritten am Auto angelangt, als der Motor bereits wieder startete. Mit der flachen Hand schlug er an das Fenster der Beifahrertür und verhinderte so knapp, dass das Auto wieder auf die Straße gelenkt wurde. Wieder wurde die Fahrertür aufgerissen.
„Hast du ein Problem?“ fuhr René den Zivildienstleistenden an. Simon erstarrte und öffnete den Mund um etwas zu erwidern, aber die Worte blieben ihm in Hals stecken. Er sah in die blausten Augen, die er je gesehen hatte und auch in die undurchdringlichsten. Der junge Fahrer runzelte die Stirn und legte genervt den Kopf schief, um anzudeuten, dass er noch immer auf eine Antwort wartete. „Du willst Frau Hartmann besuchen?“ zwang sich Simon mit Mühe über die Lippen. Für einen kurzen Moment wurden Renés Gesichtszüge weich und freundlich. Doch das hielt nur einen sehr kurzen Moment an. Schließlich verdrehte er die Augen und stellte dann doch den Motor wieder ab, um Simon wortlos in das Gebäude zu folgen. Im Fahrstuhl wischte sich der Zivi verstohlen seine feuchten Hände an der weißen Hose ab, doch seine Unsicherheit konnte er so nicht abstreifen. Er verstand sich selber nicht. Noch nie hatte ihn jemand so aus der Fassung gebracht und schon gar nicht jemand, der eigentlich auf der ganzen Linie unfreundlich und gar aggressiv war. Und doch ertappte er sich dabei, wie er den Enkel von Frau Hartmann aus den Augenwinkel musterte: das schwarze T-Shirt legte sich sanft über die durchaus trainierte Brust und war so kurz, dass es einen Blick auf den flachen Bauch erlaubte, sobald der junge Mann sich an die kühle Kabinenwand gelehnt hatte. Dies wurde begünstigt durch die ebenfalls schwarze Stoffhose, die nur knapp von seinen schlanken Hüften gehalten wurde.
Doch obwohl Simon diesen Anblick, nun ja, attraktiv fand, war doch das Gesicht des jungen Mannes das, was seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Für einen Mann hatte er betont hohe Wangenknochen, die ihm aber nicht zu weiblich erschienen ließen, sondern eher interessant. Vielleicht lag sein Mysterium aber auch eher in der Tatsache, dass Simon das Gefühl hatte, das sein Gesicht stets ernst und verschlossen war. Dass es auch Freude und Spaß mal gekannt haben musste, ließen nur die leichten Grübchen erahnen, die sanft die schmalen Lippen umspielten. Und dieses blau… Erschrocken wandte Simon die Augen ab, als René unvermittelt seinen Blick erwiderte. Der Zivildienstleistende fühlte sich ertappt, auch wenn er nicht genau wusste, wobei eigentlich. Er fluchte ohne Worte. Doch René hatte sich bereits wieder dem unsichtbaren Punkt in der Ecke der Kabine zugewandt, den er schon zuvor fixiert hatte.
Wortlos erreichten sie das kleine Zimmer von Frau Hartmann und Simon hielt inne. Er spürte, wie tausende von Gedankenströmen sich wild ihren Weg durch sein Gehirn bahnten, aber er konnte keiner davon greifen und in Worte fassen. René allerdings schien auch keine weitere Konversation zu erwarten, denn er klopfte nun selber energisch an die Tür und sogleich hörte man Frau Hartmann zaghaft ihn herein bitten. Kurz schloss er die Augen, wie er es auf der Straße am Auto bereits einmal getan hatte und schien so Kraft zu sammeln, auch wenn Simon sich nicht erklären konnte, wofür genau. Doch bevor er fragen konnte, war der junge Mann auch schon in dem Zimmer verschwunden und beinahe hätte Simon die Tür ins Gesicht bekommen, als diese von innen ins Schloss geworfen wurde.
Irritiert blickte er auf das helle Holz und versuchte seine unterschiedlichen Empfindungen erneut zu ordnen und zu verstehen.
Plötzlich, Simon hatte sich bereits abgewandt zum gehen, trat Frau Hartmann zu ihm auf den Flur. Ihr Gesicht leuchtete in einem freudigen, leichten Rot und sie strahlte Glück aus. Doch dahinter lag noch etwas anderes, ihre Augen zeigten auch so etwas wie Unsicherheit. Angst.
Ihre Hand waren kalt, als sie seinen Arm griff, um ihn am Gehen zu hindern.
„Würdest du dich zu uns setzen?“ Ihre Stimme klang belegt und vorsichtig.
„Ich? Aber…“
„Wissen sie, er hat eine schwere Zeit hinter sich… Ich… Ich weiß nicht, ob er sich kontrollieren kann. Ich möchte es glauben, aber ich kann es nicht.“
„Ich verstehe nicht…“
„Er war in Behandlung, lange Zeit.“ Ihre Stimme verebbte im hallig Flur und Simon begann langsam zu begreifen.
„Ihr Enkel leidet unter einer …“
„Ja, er leidet unter dem Borderlinesyndrom. Ich weiß nicht, ich kann mit ihm nicht umgehen, wenn er aggressiv wird. Seien sie einfach nur da, würden sie das tun?“
Simon atmete tief durch. Er hatte kaum Wissen über diese Krankheit, er war im Zweifelsfall also wenig hilfreich. Aber da gab es etwas an René… Er schüttelte den Kopf über seine eigenen Gedanken, um dann der alten Dame mit einem Lächeln auf den Lippen in ihr Zimmer zu folgen.
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