Einsam sitze ich auf einer Bank auf dem Bahnsteig zu den Gleisen 3 und 4 auf dem Salzufler Bahnhof. Es ist erst vier Uhr morgens. Ich sehe den roten Rücklichtern meines Zuges hinterher, der mich in diese Stille gebracht hat. Doch diese Punkte werden kurz darauf von der Dunkelheit verschluckt.
Gedämpft redet eine ältere Dame mit einem Mann ihres Alters. Ich vermute, dass es ihr Ehemann ist. Die elektrische Tür zur Bahnhofshalle öffnet sich einladend und schon schließt sie sich wieder hinter dem Paar. Ich bin allein mit einer Chipstüte, die vor mir auf dem Boden im Wind tanzt.
Die Beleuchtung des Bahnsteigs taucht alles in oranges, trübes Licht. Schatten von den Anzeigetafeln bäumen sich gewaltig auf und ich schließe meine Jacke, als könne ich sie so abwehren. Pfeifend bläst der Wind mir seinen eisigen Atem entgegen und lässt mich frösteln.
Die Chipstüte wird in eine Windhose gerissen und versucht sich zu befreien, doch sie wird mit fortgetragen und lässt mich auch allein.
Ich lausche, doch ich kann nur das klägliche Heulen des Sturmes wahrnehmen, wie er um das Gebäude streift. Ich lasse meinen Blick umherschweifen. Fast unmerklich springt der große Zeiger der Bahnhofsuhr eine Minute weiter. Im Mülleimer neben mir entdecke ich eine Tageszeitung. Was passiert wohl jetzt gerade irgendwo anders auf der Welt? In der morgigen Ausgabe werden wir es erfahren. Ich wende meinen Blick ab.
Eine andere Bank fleht mich mit ihrem nackten Holz an mich zu ihr zu gesellen, doch die Finsternis, die mich von den Gleisen her bedrängt, erlaubt es mir nicht aufzustehen.
Plötzlich wird die Stille durchbrochen. Der alte, graue Lautsprecher räuspert sich und kündigt mit krächzender Stimme einen Zug aus Bielefeld an. Laut ratternd rollt die Lok mit ihrem Anhang an den Bahnsteig heran und spuckt einen Schwall Menschen aus, die sich beeilen mit ihren Koffern ins Warme zu gelangen. Ohne mich zu beachten hasten sie an mir vorbei, zwei kleine Kinder schreien. Ihre hohen Stimmen bellen in meinen Ohren und plötzlich sehne ich mich nach der eben so bedrückenden Stille. Achtlos schmeißen die Leute irgendwelchen Müll auf den Bahnsteig und zerdrücken mit dem Fuß ihre Zigaretten auf ihm.
Sekunden später kehrt wieder Ruhe ein, der Zug ist abgefahren. Eine weggeworfene Zigarette sondert noch bläulichen Qualm ab. Lächelnd stelle ich fest, dass ich nicht mehr allein bin, auch wenn alle Leute schon wieder fort sind. Eine neue Chipstüte bittet mich um einen Tanz im Wind.
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